• NOV_7671
  • Ohne Titel-1
  • Fasson Theater: Was lange wŠhrt wird endlich anders
  • NOV_7242
  • Die reglosen Momente
  • swDSC_75
  • Fasson Theater: Was lange wŠhrt wird endlich anders
  • B5B_8636
  • Portrait
  • nelly bŸtikofer: was lange wŠhrt wird endlich anders
  • sprung
  • Bild1[1]
  • Bild2[1]
  • Bild3[1]

Projects

  • Bild1
  • Bild2
  • Bild3
  • Schumann
  • Plan_Bild
  • KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
  • der plan 069
  • KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
  • nelly bütikofer: was lange währt wird endlich anders
  • Die reglosen Momente
  • Sophie
  • Muenster

SERVICES

Sophie tanzte und träumte

Agenda

Nächste Vorstellungen: "Sophie tanzte und träumte", Aargauer Kunsthaus, Donnerstag 18.9. / 16.10. jewiels 20 Uhr und Sonntag 16.11. um 17 Uhr Mit: Claire Birrfelder-May, Nelly Bütikoer, Peter Grünenfelder, Karin Minger Choreografie: Nelly Bütikofer Vorverkauf: www.aargauerkunsthaus.ch/de/shop

photography

Photocredits

Christian Glaus, Regula Minger, Dominique Uldry, Fritz Franz Vogel

about me

Portrait

Über die Tänzerin und Choreografin Karin Minger

von Elfriede Schalit

Aus den Zuschauerreihen erhebt sich eine junge Frau, befangen am verschlossenen Mantel nestelnd steigt sie auf die Bühne. Die anfangs forcierten, unbequemen Bewegungen werden zunehmend gelöster, schlagen aus in energische, selbstbewusste Gesten und stürmische Wirbel. Die Entscheidung der Figur Eline, von der Zuschauerseite auf die Darstellerseite zu wechseln und einem Publikum die eigene Expressivität zu eröffnen, antizipiert den Einstieg der Tänzerin und Choreografin Karin Minger in die Schweizer Tanzszene. Die Uraufführung des Solos Eline 1996 in der Dampfzentrale Bern brachte Minger erste breite Beachtung und lobende Besprechungen ein. Sie stiftete auch den Kontakt zur Tänzerin und Choreografin Nina F. Schneider mit Zusammenarbeiten in me, too  sowie im Stück Räumlichkeiten (Choreografie Nina F. Schneider), welches 1997 am Festival Cultural Capital of Europe in Thessaloniki (GR) aufgeführt wurde.

Das professionelle tänzerische Engagement der 1969 geborenen Karin Minger begann im Alter von 20 Jahren mit der bestandenen Aufnahmeprüfung am CH-Tanztheater Plus in Zürich. Vorausgegangen war seit dem 11. Lebensjahr der Unterricht in „Jazzballett“ und der Wunsch, beruflich „etwas mit Bewegung“ zu machen.(1) Da kurz nach ihrem Ausbildungsbeginn 1989 das CH-Tanztheater Plus umstrukturiert wurde und als Anne Woolliams Schule den Schwerpunkt auf klassisches Ballet legte, setzte Minger 1991 ihre Ausbildung zur modernen Bühnentänzerin in Amsterdam an der Hochschule der Künste fort, wo sie 1994 mit dem Diplom abschloss.

Karin Mingers Interesse gilt dem Tanztheater, wie es von Persönlichkeiten wie Pina Bausch oder Anne Teresa de Keersmaeker (ROSAS) wesentlich geprägt wurde. Das konkrete, erzählerische Moment, welches während der Amsterdamer Ausbildungsjahre eher im Hintergrund stand, fand sie Mitte der 1990er Jahre beim Besuch einer Aufführung der Schweizer Choreografin Nelly Bütikofer und deren Fasson Theater derart beeindruckend umgesetzt, dass sie es gar nicht erst wagte, an Bütikofers Audition teilzunehmen. Mit Kopflinks. Beinrechts. Blick folgt, einer humorvollen Auseinandersetzung mit der Welt des klassischen Ballets, kam es 1999 in Zürich, eher zufällig, dann doch zu einer Zusammenarbeit, die einen langjährigen künstlerischen Austausch begründete. Bis heute hat Karin Minger in zahlreichen Produktionen des Fasson Theaters getanzt, einige davon, wie etwa Un tapis rouge por Sophie T (2001 – 2010) sind zu persönlichen Lieblingsstücken geworden und waren für Mingers Orientierung als Tänzerin und Choreografin wichtig.(2)

Im Jahr 1999 begann mit dem Auftritt an der Osternacht im Berner Münster eine weitere bis heute wirksame Verbindung, aus der sich inzwischen eine alljährliche Tradition entwickelt hat. Von Solostücken über Duette bis hin zu Gruppenarbeiten realisierte Minger hier Choreografien zu den jeweiligen musikalischen Inszenierungen.

Neben der tänzerischen und choreografischen Aktivität engagiert sich Karin Minger auch auf kulturpolitischer Ebene. So etwa gehörte sie 1999 gemeinsam mit Carole Meier und Nina F. Schneider zu den Organisatorinnen des tanzort DEZENTRAL in der Grossen Halle der Reitschule Bern oder amtete von 2005 bis 2009 als Vorstandsmitglied der Dampfzentrale Bern. Seit 2012 ist sie Mitglied der städtischen Tanz-und Theaterkommission.

[Vom Ungesagten...]

Viele von Mingers Stücken vollziehen sich nah bei der Sprache, obschon die Tänzerin selbst in ihren Stücken nicht spricht. Eine frühe eigene Choreografie, noch in den Niederlanden entstanden, trägt den Titel Worte (1993) und auch die bislang jüngste grössere Produktion Was ich Dir noch tanzen wollte (2010) spielt schon im Titel auf die Relation von Sprache und Tanz an. Die Beteiligung an Stücken, die einen Sprechpart involvieren – darunter viele Produktionen des Fasson Theaters, jedoch auch eigene Choreografien wie Die Planung des Planes (2008)  – weist ebenfalls auf eine Auseinandersetzung mit der Verbindung von sprachlichem und tänzerischem Ausdruck hin.

Den Ausgangspunkt des Stücks Die Planung des Planes, einer Zusammenarbeit mit der Berliner Schauspielerin Janine Kreß, bildet die gleichnamige literarische Vorlage von Peter Stamm.(3)Das Stück besteht aus einer Sprechrolle und einer Tanzrolle, die in einer Art alter-Ego-Relation interpretierbar sind. Die sprechende Figur huldigt dem Plan und der Planbarkeit, begeistert sich für die Schönheit des „Da-Seins eines jeden Dinges an seinem Ort.“ Die tanzende Figur hingegen folgt keinem Plan und durchkreuzt zunehmend die Ordnungen, welche ihr Gegenpart den Requisiten auf der Bühne verpasst hat. Sie lässt sich nicht fixieren, wegdrängen und nicht töten. Die Weltsicht der Sprechenden wiederum, gebildet aus Sprache und stabilisiert durch den beständigen Redefluss, wird durch die nichtsprachlichen Gesten und Ereignisse empfindlich gestört. Die „Schwachstellen“ des Planes scheinen auf und die fraglichen Anstrengungen, welche erforderlich sind, um Ungewissheiten zu negieren oder zu beseitigen.

Die Schwarzweissfotografie der beiden Dastellerinnen auf den Flyer zu Die Planung des Planes zeigt die Gesichter der sich ähnelnden Frauen einander zugewandt, wobei die trennende Glasscheibe das eine Gesicht als Reflexion des anderen erscheinen lässt – eine Konstellation und Ästhetik, die an Ingmar Bergmans Film Persona(4) erinnert. Sprechen und Schweigen sind auch hier rigoros unter den beiden Protagonistinnen aufgeteilt: Eine verstummte ehemalige Schauspielerin lebt mit einer Pflegerin zusammen, die durch ihr eigenes Sprechen den Kontakt herstellen und die Schweigende verstehen möchte. Schwankend zwischen Selbstaufgabe und Vereinnahmung versucht sie den Leerraum, den das Schweigen eröffnet, zu füllen. Auch in Die Planung des Planes wird ein vermeintlicher Leerraum des Unausgesprochenen zu besetzen versucht – bis vehemente, oft irritierende Signale ihn als tatsächlich bereits erfüllt erweisen.

[...und nicht-sprachlichen Mitteilungen]

Dass sich vieles nicht in Sprache „übersetzen“ lässt und damit auch nicht durch Sprache vereinnahmt werden kann, fungiert als zentrale Prämisse in Karin Mingers Arbeit, welche ebenfalls dem Stück Was ich Dir noch tanzen wollte. Ein Monolog in 7 Bildern (2010) vorangestellt ist. Hierbei kennzeichnet der Titel die Entscheidung für das Medium Tanz als bewusst gefasste Alternative zum Wort.

Das erste der sieben Bilder setzt mit einer vital fliessenden Klaviermusik ein, die Tänzerin betritt die Bühne, tastet sich, über Hindernisse steigend nach allen Seiten hin den Bühnengrenzen entlang vorwärts. An die erste vollendete Runde schliesst sie weitere Kreise an, die sich sukzessive verkleinernd zu einer einwindenden Spirale entwickeln. Immer eiliger werden die Runden vollzogen, springend, hüpfend, sich duckend, an Wänden entlang, die sich mit der Tänzerin einwärts zu verschieben scheinen. Am Schluss kreist sie auf kleinstem Raum, dann am Ort, in der Mitte der Bühne, die Hände ertasten nurmehr eine körpergrosse Zelle. Die Dynamik der strudelnd fliessenden Bewegung bricht ab, die Figur hält inne, angekommen und gleichzeitig eingeschlossen. Die Konsequenz ihrer Bewegung ist der Halt in der Mitte.

Strukturierende Prinzipien wie die Spirale (welche sich im sechsten Bild als Auswärtsbewegung wiederholt), die Gerade oder Zickzacklinien finden sich mehreren der Szenen von Was ich Dir noch tanzen wollte. Auch Elemente des Bühnenraums, die Bodenfläche etwa oder die Rückwand fungieren als formale Leitmotive. Metaphorisch aufgeladen werden sie durch die choreografische Gestaltung, welche die Dynamik und den Spannungsbogen des Stücks entwickelt. Der von Bild zu Bild sich verändernde Duktus der Bewegungen von Karin Minger und das breite Spektrum ihres Könnens, das Tanz, Schauspiel und Pantomime verbindet, gehen jedoch weit über die metaphorische Bedeutung der – vorhandenen oder gegeben – Raumstruktur hinaus und schaffen eine psychologisch differenzierte Stimmung. Musik und wechselnde Kostüme tragen zum dichten, präzisen Gesamtbild bei. Die für Karin Mingers Arbeit charakteristischen Freiräume in der Choreografie, welche von Aufführung zu Aufführung unterschiedlich gestaltet werden,(5) erhalten dieses „Bild“ lebendig.

Musikalisch begleitet werden die Szenen durch sieben Songs und Instrumentalstücke unterschiedlicher Genres, die von Minger für die bereits fertigen Choreografien ausgewählt wurden. Die Musik nimmt jeweils Grundstimmungen der „Bilder“ auf oder schickt sie voraus und markiert die Dauer der einzelnen Szenen.

Aus dem Titel von Was ich Dir noch tanzen wollte geht hervor, dass die nicht-sprachliche Mitteilung an jemanden gerichtet ist, ein Gegenüber, personifiziert durch das Publikum. Auf dessen wesentliche Bedeutung für ihre tänzerische Tätigkeit verweist Karin Minger in vielen ihrer Stücke; begonnen mit Eline, wo sie sich als Zuschauerin einreiht und so die Anwesenheit des Publikums als konstitutives Element des Stücks bestimmt.

 


(1)Karin Minger im Gespräch mit der Autorin, Mai/Juni 2011.

(2) Karin Minger im Gespräch mit der Autorin, Mai/ Juni 2011.

(3)Erschienen in: Peter Stamm, Der Kuss des Kohaku. Stücke, Hamburg: Arche Verlag, 2004.

(4) Schweden, 1966, mit Liv Ullmann und Bibi Anderson.

(5) Karin Minger im Gespräch mit der Autorin, Juni 2011.

Contact

  • Address: Wildermettweg 7, CH- 3006 Bern
  • Phone: +41 78 670 64 32
  • Email:minger@gmx.net